Ein fiktiver Spaziergang mit Fürst Pückler-Muskau
durch den Branitzer Park
Der Blick des Fürsten Hermann von Pückler-Muskau schweift über das rege Treiben vor seinen
Augen. Er schaut den zahlreichen Arbeitern zu, die ihm vom nächstliegenden Gefängnis zur Verfügung
gestellt wurden. Sie heben im Branitzer Park einen künstlichen See aus und bewegen dabei 90 000 Kubikmeter
Erde.
Inmitten dieses Sees lässt sich der Fürst sein eigenes Grab schaufeln. Die Arbeiter türmen eine 40 mal
40 Meter große und 20 Meter hohe Erdpyramide auf, in der der Fürst am 9. Februar 1871 beigesetzt werden
wird.
Pückler-Muskau entstammt keinem alten ägyptischen Pharaonengeschlecht. Er residiert seit 1846 in Branitz
bei Cottbus in der Niederlausitz.
Zufrieden mit dem Verlauf der Bauarbeiten setzt der Fürst mit seinem Besucher, dem Baumeister der
gleichnamigen Oper in Dresden, Gottfried Semper, den Spaziergang durch den Branitzer Landschaftspark
fort. Pückler führt seinen Gast von der Pyramide auf verschiedenen gewundenen Wegen durch die Anlage
Richtung Schloss Branitz. Der Fürst erklärt Semper, wie er den Park durch Baumgruppen in kleinere Räume
aufgeteilt hat. So ist es ihm gelungen, die wahren Grenzen des Gartens zu verschleiern und ihn größer
erscheinen zu lassen.
Die Wege sind den beiden Spaziergängern stumme Führer durch eine Kunstausstellung. Pückler bleibt von
Zeit zu Zeit stehen und weist Semper die ständig wechselnden Ausblicke auf die Landschaft. Der Baumeister
lobt die mit sicherer Hand platzierten Baumgruppen und Lichtungen als Kunstwerke von Pücklers Hand. Der
Fürst ist geschmeichelt und erklärt sich:
"Kunst ist das Höchste und Edelste im Leben, denn es ist
Schaffen zum Nutzen der Menschheit."
Heute gilt der Branitzer Park als Höhepunkt und Abschluss des deutschen Landschaftsgartenbaus und steht
auf der Unesco-Liste der weltweit zu schützenden Naturdenkmäler. Fürst Pückler schafft es, aus der
platten, öden Landschaft der Niederlausitz ein von künstlichen Wasserläufen und Teichen sowie Hügeln
und gewundenen Wegen durchzogenes Landschaftskunstwerk zu gestalten.
Die beiden erreichen das Schloss, in dem Pückler fünfundzwanzig Jahre wohnte. Semper hatte den 1696
errichteten Bau zu Pücklers Umzug von Muskau nach Branitz in den Jahren von 1847 bis 1852 umgebaut.
Im Schloss angekommen, legt der Fürst wie jeden Abend seine orientalische Kleidung an und setzt sich,
mit Fez auf dem Kopf und eine Wasserpfeife rauchend mit Semper in seine orientalischen Gemächer.
Der Mohr Joladur, den Pückler aus Ägypten mitgebracht hatte, serviert ihnen Mokka, über dem Pückler
ins Erzählen kommt. "Es war mir immer ein Bedürfnis, ehe ich zu alt werde, noch fremde Länder zu
sehen." Neugier treibt ihn sein ganz Leben zu Reisen, die ihn die Enge seiner Heimat vergessen
lassen, in der er kaum Gleichgesinnte findet. Sein exzentrischer Lebensstil erregt zwar Aufsehen -
in Berlin lässt er vor seine Kutsche statt Pferden Hirsche spannen - er verschafft ihm aber am Hofe
keine Anerkennung.
Seine ungezählten Liebschaften, die in Briefen publik werden, sind ein Skandal.
Pückler schwärmt voll Sehnsucht gegenüber Semper von seiner großen Liebe, der abessinischen
Prinzessin Machbuba, die er in Kairo auf einem Sklavenmarkt erworben hatte. "Ich war sofort fasziniert
von dem makellosen Ebenmaß des Wuchs dieser Wilden." Die blutjunge, anmutige Prinzessin war die
vielleicht größte Liebe im Leben des Don Juan Hermann Fürst Pückler. Er betete sie an und nahm sie mit in die Lausitz,
wo sie nach kurzer Zeit starb.
In den Orientzimmern des Branitzer Schlosses kann die Totenmaske des Mädchens noch heute betrachtet
werden. Die Beziehung der Beiden ist ein Kuriosum der brandenburgischen Kulturgeschichte; in Muskau,
wo sie beerdigt ist, wurde ihr Grab noch bis Mitte dieses Jahrhunderts von Einheimischen gepflegt.
Die Orientzimmer sind seit der umfangreichen Renovierung des Schlosses 1991 heute wieder in ihrer
historischen Ausstattung zu besichtigen. Die üppige Ausstattung der Räume zeigen die für das 19.
Jahrhundert typische Orientliebe Pücklers. Das Interesse für das Fremde und Exotische war zu Pücklers
Zeit weit verbreitet.
Bildende Kunst, Architektur und Musik waren von orientalischen Motiven geprägt. Präsentationen des
Orientalischen sollten den Europäern die Macht und Überlegenheit der Kolonialherren und die Verfügung
über die Orientalen zeigen. Der Orient war in zeitgenössischen Darstellungen und Vorstellungen eine
Welt der Stagnation, eine Welt ohne Veränderung.
Pückler nimmt den Orient anders wahr. Er reist durch Tunesien und ist angetan von der Effektivität
des Rechtssystems. In Ägypten bewundert er die Wirtschafts- und Verwaltungsreformen. Pückler verfällt
zum einen der Exotik und der Opulenz des Orients, als er mit Machbuba und großem Hofstaat als Staatsgast
des ägyptischen Vizekönigs Muhammad Ali auf einer Barke den Nil hinunterfährt. Er ist zum anderen aber
vorrangig doch ein Bildungsreisender, der im Orient das Licht findet, das ihm in der Dunkelheit der
Heimat fehlt.
Semper und Pückler verlassen das Schloss Branitz wieder und kehren zurück zur Pyramide. Auf dem Rückweg
dorthin stellt sich ihnen eine weitere Pyramide in den Weg. Kleiner als die Erste, wird sie von einem
gusseisernen Gitter gekrönt, auf dem folgende Inschrift zu lesen steht: "Gräber sind die Bergspitzen
einer fernen neuen Welt." Wir lesen das optimistische Statement eines Menschen, der an die Wiedergeburt
glaubt. Eines Menschen, der die religiösen Vorstellungen des alten Orients in sein Denken aufnahm und
so ein wahrer Weltbürger war. Der dabei stets zwei Parteien angehörte: War er durch Geburt und Herkunft
stets der Aristokrat, so wurde er durch Reisen, Beobachtungen und Reflexion ein liberaler Freigeist und
Kosmopolit.
Und Pückler war der Gartenkünstler, den sein Motto
"Wir sehnen uns so sehr nach der Freiheit der Bäume"
zur Verwirklichung seiner Lebensphilosophie im Branitzer Landschaftspark bewegte."